Umgang und Verwendung von SolarSpectrum H-Alpha Filtern

Wer kennt nicht die großartigen H-alpha Sonnenaufnahmen des BBSO und anderer bekannter Sonnenobservatorien, deren dramatischer Bildeindruck irgendwann doch dazu führt, sich selber solch ein Filter anzuschaffen. Doch wie soll man sie benutzen, damit beobachten, vielleicht sogar fotografieren oder sie lagern? Ich versuche hier, meine Erfahrungen so gut wie möglich darzustellen. Es versteht sich von selbst, daß ich hier keine allgemein gültigen Regeln oder ultimative Weisheiten widergeben kann - ich schreibe lediglich meine Erfahrungen nieder.

Da ich über verschiedene Filtersysteme verfüge, kenne ich deren Unterschiede und Vorzüge sehr gut. Bedingt durch meine "schlechteste" Eigenschaft (ich arbeite bekanntlich bei einem Teleskop-Händler) verfüge ich über Hintergrundwissen, das Endverbrauchern so oft nicht zu Teil wird. Auch Google fördert nicht alles zu Tage, und weitgestreute Vermutungen oder Halbwahrheiten bieten zwar Stoff für ewig langes Forengelaber, aber weder echte Information noch begründete Tatsachen. Im Lauf der letzten 15Jahre habe ich mit annähernd jeder Art von Ha-Filtern beobachtet und diese kennen gelernt.

In aller Kürze zu allen Ha-Filtern
-> kein Filtersystem ist:

- unbegrenzt haltebar -> bestimmte Teile altern bei allen Systemen
- echte Temperaturstabilität gibt es nicht wenn nicht geheizt wird, und
- kein Amateur-Filtersystem kann alle Erwartungen erfüllen.

Ich benutze mittlerweile zu 99% meinen SolarSpectrum Filter (0,65Å SolarObserver Ser.1), da sich dieses Filtersystem durch seine universellen Möglichkeiten für mich als optimal erwiesen hat. Andere Filtersysteme liefern schöne Übersichtsbilder, aber die Option auf 300fache Vergrößerung verbunden mit einer scharfen und kontrastreichen Abbildung ist einfach ein Vorteil der Spaß beim Beobachten bringt.

Für Übersichtsbeobachtungen verwende ich in aller Regel auch den 100/900ED Refraktor, der mit 70mm C-ERF und TZS-2 auf 60/1800 gebracht wird. Auch 30/900 wären möglich - je nach Zielsetzung. Für Detailbeobachtungen und Fotografie kommt ein 110mm C-ERF zum Einsatz, der zusammen mit dem TZS-4 100/3600 ergibt. Kleinere Öffnungen mögen vielleicht günstiger zu haben sein, aber der Detailwust beginnt erst bei dieser Größenordnung. Ein größerer ERF für einen 150/1200 Refraktor kommt ebenfalls bereits zum Einsatz.

Die Handhabung und Anwendung der Filter ist relativ einfach. Es wird vor dem Fernrohrobjektiv (idealerweise ein Refraktor) ein Energieschutzfilter (engl. Energy Rejection Filter, kurz: ERF) angebracht, welcher als Breitbandfilter wirkt und im Idealfall (wie bei den C-ERF von Baader-Planetarium) unterhalb von 600nm und oberhalb 700nm blockt. Damit wird ein Aufheizen des Teleskops bzw. des Filters vermieden und Optik sowie Filter auf optimale Weise geschohnt. Meist wird mit dem ERF zugleich die Öffnung des Teleskops ein wenig abgeblendet, um auf das für rückwärtig montierte Filter erforderliche Öffnungsverhältnis von F/30 zu kommen. In Verbindung mit einem geeigneten telezentrischen Linsensystem kann jedoch oft eine starke Verringerung der Öffnung (und damit der Auflösung) umgangen werden, denn mal ganz ehrlich: was nützen 40-60mm Öffnung, wenn der wirkliche Spaß erst bei 2 Bogensekunde Auflösung beginnt (und dafür braucht man im Ha mehr als 60mm Öffnung!)!?
Das erwähnte telezentrische Linsensystem (TZS) bewirkt eine Brennweitenverlängerung, erzeugt zudem aber auch einen parallelen Strahlengang. Die Funktionsweise wird u.a. auf der Website von
Baader-Planetarium sehr anschaulich erklärt. Es wird am Okularauszug, vor dem Ha-Filter montiert.
Der Ha-Filter selbst kommt günstigstenfalls direkt vor das Okular bzw. die Kamera, um einer Vignettierung vorzubeugen. Die Stromversorgung kann über Autobatterie oder Netzanschluß erfolgen, was auch eine mobile Anwendung erlaubt. Die Tatsache, daß die Filter beheizt werden müssen empfinde ich nicht als Nachteil - eher als Vorteil, da man dadurch in beide spektrale Richtungen tunen kann und das auch noch reproduzierbar. Zudem traue ich der Angabe einer "optimalen Betriebstemperatur" mehr als einem Versprechen wie "temperaturstabil". Da je nach Teleskop, Anwendung, Filtertyp und effektiver Brennweite die Abbildung der Sonne größer als der Filterdurchmesser sein kann, sollte man eine stärkere Vignettieung nicht auch noch durch ungünstige Montage erzeugen.

Hier nun meine wichigsten Leitsätze zu den SolarSpectrum Filtern, die lange und viel Freude garantieren:

- trocken lagern, am besten mit SilicaGel, aber
- nicht zu lange lagern, sondern damit beobachten!

Werden die Filter trocken gelagert und mit den - C-ERF's benutzt, steht einer langen Haltbarkeit nichts im Weg. Abgesehen davon sind die Filter sehr robust. Im Vergleich zu anderen Filtern verkraften sie auch einen holprigen Transport oder einen heftigen Stoß schadlos. Sollte nach einigen Jahren dennoch Degenerationserscheinungen auftreten, kann man die Filter günstig warten und reparieren lassen. Zerstört ist so ein Filter dadurch keines wegs. Ein Auto wirft man in aller Regel ja auch nicht weg, nur weil die Reifen abgefahren sind.

Und: andere (Ha)Filter altern auch - man muß nur ein paar Jährchen warten und den unbedingten Glauben an die Werbung über Bord werfen.

Viele Beobachter legen ein Tuch über Kopf und Okular, um Streulicht zu vermeiden und den vollen Kontrastumfang besser erfassen zu können. Ich persönlich setze meist einen größeren Hut auf, denn etwas in der Art braucht man sowieso, da einem sonst sehr leicht bei längeren Beobachtungen der Kopf gegrillt wird. Auch eine Blende um den Tubus kann schon helfen. Hierbei gibt es viele Möglichkeiten. Bei Tests mit verschiedenen Optiken konnte ich mit dem 0,65Å Filter auch bei F/25 noch ein kontrastreiches Bild erziehlen. Kürzere Öffnungsverhältnisse dürften vor allem bei engen Bandbreiten Probleme bereiten. F/30-F/35 ist hingegen ideal. Wird eine gute Teleskopoptik verwendet, sind Vergrößerungen im bereich von 0,5mm Austrittspupille bei passendem Seeing kein Problem. Das Bild bleibt hell und kontrastreich. So konnte ich sogar schon einige Male mit 100mm Öffnung und 300-360facher Vergrößerung beobachten, ohne einen Verlußt an Schärfe und Kontrast zu bemerken. Der 1.Mai2005 war so ein Tag - das Seeing war teilweise perfekt.

Die Fotografie mit Ha-Filtern ist im Grunde gar nicht mal schwer - wenn man sich's nicht schwer macht.
Mein Tipp: Webcam o.ä. in den Okularauszug und los gehts. Ein AVI aufnehmen, in Giotto oder Registax mitteln und schwupps sollte ein brauchbares Ergebnis vorliegen.

 

Viel Spaß beim Beobachten!
© Andreas Murner

 

Für den Anfang mal so viel. Im Lauf der Zeit wird die Seite noch wachsen, keine Sorge. Ich betone an dieser Stelle nochmals daß ich hier keine ultimativen Weisheiten von mir geben kann, da es diese nicht gibt. Auch sollten alle Leser beachten, daß ich hier privat schreibe, persönlich zwischen Beruf und Privaleben unterscheiden kann, und von den Lesern dieser Seite selbiges erwarte.